Thomas Harlan – Wandersplitter | Eine „Anti-Biographie“

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Vorstellungen vom 30.08.2007 bis zum 26.09.2007.

Infos

Erstaufführung!!!

Ein Sanatorium, ein Zimmer, ein Schreibtisch, Aussicht auf die Berge. Der Kamera zugewandt: Thomas Harlan, Autor und Filmemacher, Abenteurer, Nazi-Verfolger. Er spricht, denkt nach, verführt, bricht ab. Ein Film entsteht im Kopf: eine Fahrt durch Moskau, eine Begegnung mit Hitler, 'Sprache als Kathedrale’, die stillschweigende Rehabilitierung von Kriegsverbrechern, angezündete Kinos und das Verhältnis zu seinem Vater, dem JUD SÜß-Regisseur Veit Harlan.

Christoph Hübner lässt sich gar nicht genug danken für seine intensive Nahaufnahme, die einen faszinierenden Mann, brillanten Logiker, kühnen Künstler und politischen Kopf vorstellt.
Andreas Wilink, k-west

In der Abgeschiedenheit einer Lungenklinik in Bayern entwickelt der Film seine Wirkung dank diesem begnadeten Erzähler, dessen fesselnde Geschichten einen wahren Assoziationsreigen zu den „großen Erzählungen“ des 20. Jahrhunderts auslösen.
Margarete Wach, film-dienst

Die Kamera riskiert nur hin und wieder einen Blick aus dem Fenster aufs Alpenpanorama oder auf Dinge im Raum. Mehr braucht’s nicht, denn Harlan vereinnahmt den Zuschauer derart, dass sein Kopf wie ein ganzer Monumentalfilm wirkt.
Arnold Hohmann, Westfälische Rundschau

Die Regie schafft eine Bühne für einen Star. Mehr nicht. Aber das reicht.
Stefan Reinecke, taz

Thomas Harlan ist ein Erzähler sui generis, kann aus den scheinbaren Nebensachen die Hauptsachen herauserzählen. Zeitgeschichte, Personengeschichte, Ansichten über das Leben, alles fließt in diesen Erzählungen ineinander, man lauscht fasziniert.
Fritz Wolf, epd Medien

Originalton Thomas Harlan

... über seinen Lebenslauf

Alles was bei mir Wesentlich geworden ist, hat sich sozusagen als Nebenwirkung ergeben von etwas anderem. Nie entsprach beispielsweise die Übernahme von Pflichten in der deutschen Justiz, die Verfolgung von Kriegsverbrechen irgendeinem Lebensziel oder irgendeiner Lust. (...) Meine Lebensvorstellung ist immer auf eine wundersame und für mich immer von mir gut empfangene Weise gestört worden.

... über Sprache

Sprache ist theoretisch in der Lage, Kathedralen darzustellen oder zu sein. Und da ist natürlich wirklich jeder Fehler die Voraussetzung für eine Einsturzgefahr. Sprache ist etwas sehr Selbstständiges. Das ist nicht etwa eine Sache, mit der Sie etwas sagen wollen. Das ist ja nur ein Missbrauch, wer die Sprache dazu benutzt um etwas sagen zu wollen, das ist ja schon ein solcher Missbrauch, dass es die Sprache gar nicht mehr gibt. Die will. Da müssen Sie folgen und klug folgen und noch mal säubern nachher, nicht zittern, Sie stürzen auch zwischendurch ab. Wie kriegt man einen Satz ins Gewöhnliche zurück, damit er nicht erarbeitet aussieht, sondern nur gut gedacht und einfach so vorgetragen, wie es sich dann gehört (...) Es gibt so etwas wie einen gewissen Pathos der Richtigkeit, den man manchmal einer Sache geben kann, nicht? Man ist dann irgendwie heimlich stolz darauf, dass man es so gut formuliert hat - das muss raus.

... über Schuld

Zu den vielen Dingen, aus denen Schuld werden kann, kann unter anderem auch die Zuneigung kommen. Oder vielmehr, dass Zuneigung Schuld werden kann. Eine sehr große, leichtfertige Liebe und Hingabe zu etwas, was etwas anderes ist als ein Mensch, kann dazu führen, dass man beim Umbringen von Menschen (...) die Arme kreuzt oder (...) die Tragödie ignoriert, weil ja alles andere so gut ist oder geht. Und die Gefahr, dass die Zuneigung Sie dazu bringt, dass Sie zu früh anhimmeln und im Anhimmeln vergessen, wer alles unter den Stiefeln leidet oder den Tritten, gehört zu den Kategorien, mit denen ich mich befasse, d.h. Schuld. Ich finde es schon sehr wichtig, wen man im falschen Moment oder im richtigen Moment sehr geliebt hat. (...) Und ich glaube, es gibt kaum eine größere Verdunklungsgefahr für die Wirklichkeit als die Zuneigung zu Urhebern von Wirklichkeiten.

... über Hitler

Der Mann war ein ganz großes Ereignis, auch wenn er sprach. Selbst wenn ich es heute höre, es ist schon unerhört (...). Fakir ist ein richtiges Wort, wie der Mann mit schrecklichen Eigenschaften, hexerische Kräfte hatte und ausüben konnte auf Millionen Menschen und sie sammeln konnte. Das ist was sehr Seltenes. Eine Diktion, die musikalisch nie falsch war.Das ist eine solche einmalige Qualitätsleistung eines Verbrechers gewesen, dass ich sehr gut verstehe, dass er aus einem Volk eine Bande gemacht hat. Und natürlich – als Kind gehörte ich zu der Bande dazu. Das ist ja logisch.

... über seinen Vater Veit Harlan

Es ist sicher richtig, über den Fall zu sprechen, nicht so sehr: Wie war ihre Beziehung? Das ist ja uninteressant, sondern: welche Beziehung wollten Sie haben, nach dem, was Sie erkennen von einem Vater. Es ist nur so, jetzt sagen Sie ja: Vater. Ich mache natürlich aus meinem Vater nicht mehr als es ist. Es ist eben meiner, und nur das ist mir wichtig: Ich fang bei mir an – aus. Es ist ein heiß geliebter Mensch. (...) Aber ich habe schon etwas gesehen, er verantwortet sich nicht. (...) Ich habe immer gedacht, dass ich mich nicht von der Tatsache weich machen lassen darf, zu sagen: Aber, ich liebe ihn doch und deswegen –. Ich habe immer versucht, dass mir das nicht passiert, dass ich mich menschlich benehme, wenn es zunächst mal darum ging, etwas Unmenschliches auch so festzustellen, wie es ist. Er ist ja in meinen Armen gestorben, dafür bin ich ihm unglaublich dankbar, dass ich, der ihn verfolgt hat (...) – dass er Platz dafür hatte, zu verstehen, warum. Für mich war ausschlaggebend: Übernimmt jemand die Verantwortung. Zahlst du? Unter zahlen verstehe ich zunächst einmal sagen: „Es war so.“ Das wäre schon sehr viel. Das hat mir so gefehlt, dass ich da mich nie drüber hinwegschummeln konnte. Darum ist es dabei geblieben bis heute.

... über ewig Gestrige

Eigentlich könnte jeder in Deutschland vernünftig geworden sein. Wer hat denn die Gelegenheit in Guatemala, so viel zu kapieren wie dieses Scheißvolk? Die Zahl war so unbeschreiblich groß von den Verwickelten, dass du nur stotternd reden konntest. Du konntest nie mehr mit dem Finger auf irgendwas zeigen ohne dir die Finger schon abzuschneiden. Weil es ja so war, wenn du dahin zeigst, zeigst du ja nicht dahin. (...) Und du wurdest selbst bei dieser Hatz Fachmann des Schrecklichen und konntest gar nicht mehr ein Ziel – das ist mit einem Wort gesagt –, bei der Sättigung das Ziel haben, irgendwas ins rechte Lot zu bringen. Es war nur noch Sumpf, alles flüssig.Mich interessiert auf dem Wege der Wahrheit nur die eine Form, das ist die von Mandela: Durch Aussprechen frei sein. Sie kennen das Prinzip von der südafrikanischen Justiz? Einfach: Truth und reconciliation (Wahrheit und Wiederversöhnung).

... über die nachfolgenden Generationen

Durchziehend sehe ich alles, was ich heute sehe, besonders in Deutschland mehr noch als woanders, als wieder etwas möglicherweise Wunderbares. So viele Kinder, die „Nein“ sagen zu Gewalt und zu Kriegen. (...) Muss man so verlieren, wie die Deutschen verloren haben, um da raus zu kommen? Müsste man fast wünschen: Verliert bitte so fürchterliche Kriege und lasst euch zerstören, damit da was ausgebrütet wird, was anders ist.

D 2006 / 2007, 96 Min., K+R: Christoph Hübner