Im Schatten

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Vorstellungen vom 11.11.2010 bis zum 01.12.2010.

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Berlin Mitte durch die Fensterscheibe eines Cafés gesehen, dient als Hintergrund für den Vorspann von Thomas Arslans Im Schatten. Das für Film essenzielle Licht wird im durchsichtigen Medium zum Mittel der Verzerrung: Lichtquellen werden vervielfältigt, verformt, ihre Strahlen nehmen eine eigene Dynamik, unabhängig von der abgefilmten Realität. Es handelt sich um den Blick Trojans (Misel Maticevic), um seinen ersten Blick auf die Welt, die er nach seiner Entlassung betreten wird. Gleichzeitig handelt es sich um den Blick eines Regisseurs, der dem Zuschauer die eigene cinematische Vision vorstellt. Und so einfach und effektvoll wie diese erste Einstellung imponiert Im Schatten durch seine Schlichtheit. Zwei Begriffe synthetisieren den ganzen Film: Funktionalität und Transit. Die Methode ist die Reduktion.Schon der Ausgangspunkt zeugt von einer strukturalistischen Minimalisierung der vorgestellten filmischen Welt. Trojan ist nach fünf Jahren Haft in Berlin. Das Gefängnis als vereinfachtes soziales System könnte die Ursache der Prägung des skizzenhaften Charakters des Protagonisten sein, die ihn auf ein Ziel und die funktionale Verfolgung von diesem reduziert hat. Doch Trojan macht nach seiner Entlassung genau das, was er davor gemacht hat: er übt sehr professionell und vorsichtig Raubüberfälle aus. Keine Fragen stehen zwischen ihm und seiner Funktion, Gefühle, Lebensstil und Einstellungen sind immer der Rolle des Kleinganoven untergeordnet, bis hin zu einer martialischen Radikalisierung der Thesen aus Bressons Pickpocket. Trojans Charakter wird zum Schlüssel des Films, dessen Welt durch ebensolche dem Gangsterfilm immanente Gestalten ergänzt wird: Der ehemalige Auftraggeber, der nun seine Männer auf ihn losschickt, der korrupte Polizist, der ehemalige Partner, mittlerweile in Ruhestand, die Anwältin. Die Charaktere werden die einzelnen Zentren des Films: Die Kamera ist stets bei ihnen, abwechselnd den einen oder anderen begleitend, und fügt ihre Aktionen Stück für Stück zu einem kompakten Ganzen.Streng im Einklang mit der Natur des ausgeübten Berufs wird auf das Urmotiv der Berliner Schule zurückgegriffen, auf den Transit. Und auch wenn Trojan aus einem kompakten Ort, dem Gefängnis, ausgeht, und seine Ziele stets statische Räume sind, ist die Erreichung dieser mit Bewegung, mit Wurzellosigkeit verbunden. Von den Hotels, in welchen er wohnt, über die Parkplätze und Garagen, wo er sich mit Personen trifft, bis hin zu eben diesen Personen aus der Welt der Kleinganoven und der Natur der Interaktion mit ihnen - alles wird im Zeichen des Transits konstruiert. Die damit verbundene Dynamik Trojans wird zur treibenden Kraft des Films: sein ehemaliger Auftraggeber wird aus seiner Statik entrissen und gezwungen seine Männer hinter ihm her zu schicken; Nico, der ehemalige Kollege Trojans wird aus seinem kleinbürgerlichen Ruhestand gerissen und zum Komplizen gemacht. Ebenso verhält es sich mit den anderen Charakteren, die entweder Passivität, wie die Anwältin, oder Ritual als Form von Passivität, wie der korrupte Polizist, sich in ihren Leben etablieren ließen.Durch die Funktionalisierung der Charaktere und Räume, durch die Instrumentalisierung von Genrecodes schafft Arslan mit Im Schatten eine Reduktion des Films auf seine Substanz und diese Substanz benötigt sehr wenig Raum, um Ausdruck zu bekommen. In den dadurch noch frei verfügbaren Zwischenräumen entsteht die künstlerische Essenz des Films. Denn genauso wie die Fensterscheibe in der ersten Einstellung für das Kameraauge Lichtreflexionen entfaltet, die dem kulturell geprägten Auge des Menschen entfliehen würden, so gelingt es Arslan seinen Film mit feinen Tönen zu bereichern. So werden kleine Details, wie Trojans wunderbar gespielte körperliche Bewegung, seine Gesten, seine Platzierung im Raum, wie die minutenlange Autoverfolgung, oder wie die wenigen Sekunden vor dem Angriff auf den Geldtransport, nicht zuletzt aber auch die manipulierten Objekte zu Bedeutungsträgern, zu integralen Bausteinen eines Kunstwerks.Gekrönt durch ein im Sinne von Schrader transzendentales Ende bleibt Im Schatten dem Zuschauer als Monolith im Gedächtnis, als harmonisches, kompaktes Miteinander seiner Mittel, so wie man sich das von einem Film nur wünschen kann.

Deutschland 2010; 85min; FSK 12; R: Thomas Arslan; mit: Mišel Maticevic, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, David Scheller, Peter Kurth, Hanns Zischler, Timo Jacobs, Jörg Malchow, André Szymans