Georgian Film. Gegen das Scheitern. (ქართული ფილმი. )

Ab Donnerstag, dem 26. Februar

Infos

Georgien

Zur Website des Filmes

Festival

Für diese Retrospektive haben wir eine Auswahl von Spielfilmen des georgischen Regisseurs Levan Tutberidze zusammengestellt sowie Dokumentarfilme, die Arbeiten einer jüngeren Generation georgischer Filmschaffender repräsentieren: Tekla Aslanishvili, Andro Dadiani, Saba Dolikashvili und Dominik Gasser aus Deutschland. Obwohl sie unterschiedlichen Genres angehören und aus verschiedenen Zeiten stammen, beschäftigen sich sowohl die Spielfilme als auch die Dokumentarfilme mit Gesellschaften im Kaukasus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der historische Hintergrund spielt dabei eine zentrale Rolle.

Im Fokus stehen Bevölkerungen in Krisensituationen, traumatisiert durch militärische Konflikte in der Region Bergkarabach sowie durch die Kriege in Abchasien und Ossetien, die zu Hunderttausenden von Binnenvertriebenen auf den Territorien Georgiens und des Kaukasus führten. Hinzu kommen die langfristigen Folgen dieser Konflikte: wirtschaftliche Instabilität, korrupte Regierungen, Wellen des Nationalismus in den ehemaligen Sowjetrepubliken, massive Arbeitslosigkeit und ideologisch stark polarisierte Gesellschaften. Sowohl in den Spielfilmen als auch in den Dokumentarfilmen wird der Kaukasus – mit seiner majestätischen Natur und der beeindruckenden Vielfalt der dort lebenden Völker – einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Der vereinte, friedliche Kaukasus, wie ihn die Avantgarde-Filmemacher*innen der 1920er Jahre mit ihrer utopischen Idee einer „Einheit in der Vielfalt“ imaginierten, erwies sich als gescheitertes Projekt, wie die bis heute andauernden Konflikt in der Region Bergkarabach tragisch belegen. Der Kaukasus selbst – mit seinen malerischen Küstenlandschaften und atemberaubenden Bergpanoramen, etwa in Levan Tutberidzes Filmen Moira und Die Reise nach Karabach – wird zu einem der zentralen Protagonisten sowohl der Spielfilme als auch der Dokumentararbeiten. Im Kern geht es in ausgewählten Kinofilmen darum, wie geopolitische Machtkämpfe um Einflusszonen in dieser kleinen, aber strategisch äußerst wichtigen Region an der Schnittstelle zwischen dem sogenannten Osten und Westen menschliche Lebenswege deformiert und zerstört haben.

1916 realisierte Aleksandre Tsutsunava mit Kristine den ersten georgischen Spielfilm.

1956 gewann Magdanas Esel, ein Kurzfilm von Tengiz Abuladze und Revaz Chkheidze, die Goldene Palme für den besten Kurzfilm in Cannes. Im selben Jahr erhielt auch Michail Kalatosows Die Kraniche ziehen die Goldene Palme für den besten Film – ein Erfolg, der in die Phase der Kritik am Stalin-Kult fiel.

1987 wurde Tengiz Abuladzes Monanieba (Reue) in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet – als filmische Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Totalitarismus während der Perestroika.

1988 fand im Centre Pompidou in Paris eine umfangreiche Retrospektive des georgischen Films statt, die mit Sergej Paradschanows Ashugh Qarib (Der Spielmann) eröffnet wurde und sich über drei Monate erstreckte.

Dies ist nun die dritte georgische Filmretrospektive, die bislang in Deutschland stattfindet. Die erste wurde 2015 von mir in der Werkstatt der Kulturen in Berlin organisiert, gefolgt von einer Retrospektive mit Schwerpunkt auf Frauen im georgischen Film in Stuttgart, die ich in Kooperation mit dem Theater am Olgaeck kuratiert habe. Während der politische Lage im Kaukasus ständig eskaliert und die globalisierte Welt von einer Krise in die nächste rast, bietet sich zeitgenössischen Filmschaffenden reichlich Stoff für filmische Auseinandersetzungen mit dem Ganzen. Für die Filmindustrie selbst könnte dies eine Überlebenschance inmitten der schwersten Krise ihrer Geschichte, ausgelöst durch die digitalen Revolutionen, sein. Zwar lässt sich nicht behaupten, dass Film die Welt vor Kriegen, Korruption oder Armut retten kann – doch die visuelle Intensität des bewegten Bildes vermag eine emotionale Wirkung zu entfalten, die das Bewusstsein der Zuschauer:innen schärft und ihnen ihre eigene Handlungsfähigkeit vor Augen führt. Und genau darin liegt vielleicht eine Chance gegen das Scheitern.

Text. Dr. Lily Fürstenow

SCHEDULE/TERMINE

* 26.2.26. 19 Uhr. Scenes from Trial and Error. Tekla Aslanishvili. Doku. OmU. 30 min – Georgia, Germany, The Netherlands – 2020

* 27.2.26. 19 Uhr. The Village. Levan Tutberidze. Feature. 130 min. OmU

* 28.2.26. 19 Uhr. A State in a State. Tekla Aslanishvili. Doku. OmU. 47 min – Georgia, Spain, Germany – 2022

* 1.3.26. 19 Uhr. Moira. Levan Tutberidze. Feature. OmU

* 2.3.26. 19 Uhr. Kinuli Mushti/Ice Fist. Cem zagls dagiklav. Will Get My Dog Killed for You. Andro Dadiani. Doku. OmU

Animations. Saba Dolikashvili.

Andro. Dominik Gasser. Doku. OmU

* 3.3.26. 19 Uhr. The Resting Samurai. Levan Tutberidze. Feature. OmU

* 4.3.26. 19 Uhr. The Mountain Speaks to the Sea. Tekla Aslanishvili. Doku. OmU. 59 min – Georgia, Germany – 2024


Plot: For this retrospective we made a selection of feature films by a Georgian director Levan Tutberidze and documentaries representing works by a younger Generation of Georgian filmmakers - Tekla Aslanishvili, Andro Dadiani, Saba Dolikashvili and a German cinematographer Dominik Gasser. Although different in genres and from different times both feature films and the documentaries explore societies that live in the Caucasus after the collapse of the Soviet Union. The historical background plays an important role here. One deals with populations in crisis that have been traumatised by military conflicts in the Karabakh region, by the wars in Abkhasia and Ossetia that resulted in thousands of internally displaced persons on the territories of Georgia and the Caucasus with all the follow-up economic instabilities, corrupt governments, waves of nationalism in the former Soviet republics, massive unemployment and communities ideologically polarised. Both in the feature films as well as in the documentaries the Caucasus with it’s majestic nature and incredible diversity of the peoples living there are taken under scrutiny. The united peaceful Caucasus as it would be portrayed by the film-makers of the avant-garde in the 1920-ies with their utopian idea of “unity within diversity” turned out to be a failed project as the still ongoing conflict in the Karabakh region sadly proves to name but a few. The Caucasus itself with its picturesque seaside views and breathtaking mountains as e.g. in Levan Tutberidze’s films “Moira” and the “Reise nach Karabakh” is one of the major protagonists in both feature films and the documentaries. It is all about how geopolitical struggles for spheres of influence and power over this small but crucially important region on the cross-roads of the so-called East and the West have disfigured human destinies. The Caucasus emerges in the films as a terrain irrevocably fragmented by fatal contradictions between the failed attempts to construct futuristic “smart” worlds of prosperity for the priviledged few opposed by vast communities living in utter misery in big cities or in archaic scarcely populated countryside. Both feature films by Levan Tutberidze and the documentaries analyse the pressure of complexities of contemporary constantly changing political climates, globalisation trends and persistent alienations triggered by market economies, power greedy local politicians, war lords, criminals or ruthless capitalist expansionist policies that each in their particular way bring destruction. As political contexts in the Caucasus aggravate and the globalised world rages from one crisis to the next there’s enough stuff for contemporary filmmakers to explore in their cinematograph. For film industry itself it could be an opportunity of survival in the times of the worst crisis it has ever experienced. One cannot claim that film would save the world from wars, corrupt politicians or poverty but with its visual intesity moving image could make an emotional impact on its audiences that might become more aware of their power which leaves us all with a chance against failure. Text. Dr. Lily Fürstenow