Georgische Kurzfilme | Dokumentationen und Animationen

Infos

Georgien 2020
Sprache(OV): georgisch
Regie: Andro Dadiani, Dominik Gasser, Saba Dolikashvili.
90 min

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Georgian Film. Gegen das Scheitern. | Festival

Andro Dadiani. Videoarbeiten. Andro. Doku. Dominik Gasser

Andro Dadiani ist eine der interessantesten Stimmen der georgischen LGBTQ+-Community, weswegen sollte er sein Heimatland verlassen. Er wohnt jetzt im Ausland, wo er sich genauso heimatlos und verlassen fühlt wie in Tiflis, wo er meist sein Leben verbrachte als Performancekünstler und Dichter.

Seine Kurzfilme sind Dokumentationen von seinen Performances, wo er politische und ökonomische Umstände im jetzigen Georgien scharf kritisiert.
„Fist“ stellt die Macht und Ohnmacht des menschlichen Protests in gegenwärtigen Demokratien dar, wo zwar vieles erlaubt ist, aber zu realen gewünschten Änderungen kommt es selten, und so schmilzt die Faust aus Eis, installiert gegenüber dem Parlamentsgebäude, vor den Zuschauer-und-Passanten-Augen genauso schnell wie die Wucht der zahlreichen Proteste, die an diesem Ort und Stelle seit Ende der 1980-er regelmäßig stattfinden und wo zahlreiche Protestteilnehmerinnen am 9. April 1989 vom sowjetischen Mordkommando getötet wurden.
Genau an dieser historisch trächtigen Stelle findet die Performance „Nichurti“ statt, wo ein maskierter Politagitator seine schamlosen Versprechungen abliefert und weiter aufs Land zieht, um das Volk mit leeren Versprechungen zu beeindrucken – wie typisch für „demokratische“ Wahlkampagnen und ideologische Politpropaganda.

In seinem Doku über den georgischen Performancekünstler und LGBTQ+ Dichter Andro Dadiani hat der Filmemacher Dominik Gasser ein beeindruckendes Tableau von Tbilissi während der jetzigen Demos und Proteste geschaffen. Ein maskierter junger Mann, der gezwungenermaßen ein Doppelleben führt aus der Angst, geschlagen oder gar getötet zu werden von intoleranten Massen. Ein Mensch, der seine Heimat und seine Mitmenschen inbrünstig liebt, aber niemanden hat außer seinem kleinen weißen Hund, der rosa Schuhe trägt. Für die Einsamkeit verdammt, aus der Heimat ausgetrieben, heimatlos – ist es nicht das wahre Schicksal von wahren Künstler*innen in aller Ewigkeit gewesen?

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Für diese Retrospektive haben wir eine Auswahl von Spielfilmen des georgischen Regisseurs Levan Tutberidze zusammengestellt sowie Dokumentarfilme, die Arbeiten einer jüngeren Generation georgischer Filmschaffender repräsentieren: Tekla Aslanishvili, Andro Dadiani, Saba Dolikashvili und Dominik Gasser aus Deutschland. Obwohl sie unterschiedlichen Genres angehören und aus verschiedenen Zeiten stammen, beschäftigen sich sowohl die Spielfilme als auch die Dokumentarfilme mit Gesellschaften im Kaukasus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der historische Hintergrund spielt dabei eine zentrale Rolle.

Im Fokus stehen Bevölkerungen in Krisensituationen, traumatisiert durch militärische Konflikte in der Region Bergkarabach sowie durch die Kriege in Abchasien und Ossetien, die zu Hunderttausenden von Binnenvertriebenen auf den Territorien Georgiens und des Kaukasus führten. Hinzu kommen die langfristigen Folgen dieser Konflikte: wirtschaftliche Instabilität, korrupte Regierungen, Wellen des Nationalismus in den ehemaligen Sowjetrepubliken, massive Arbeitslosigkeit und ideologisch stark polarisierte Gesellschaften. Sowohl in den Spielfilmen als auch in den Dokumentarfilmen wird der Kaukasus – mit seiner majestätischen Natur und der beeindruckenden Vielfalt der dort lebenden Völker – einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Der vereinte, friedliche Kaukasus, wie ihn die Avantgarde-Filmemacher*innen der 1920er Jahre mit ihrer utopischen Idee einer „Einheit in der Vielfalt“ imaginierten, erwies sich als gescheitertes Projekt, wie die bis heute andauernden Konflikt in der Region Bergkarabach tragisch belegen. Der Kaukasus selbst – mit seinen malerischen Küstenlandschaften und atemberaubenden Bergpanoramen, etwa in Levan Tutberidzes Filmen Moira und Die Reise nach Karabach – wird zu einem der zentralen Protagonisten sowohl der Spielfilme als auch der Dokumentararbeiten. Im Kern geht es in ausgewählten Kinofilmen darum, wie geopolitische Machtkämpfe um Einflusszonen in dieser kleinen, aber strategisch äußerst wichtigen Region an der Schnittstelle zwischen dem sogenannten Osten und Westen menschliche Lebenswege deformiert und zerstört haben.

1916 realisierte Aleksandre Tsutsunava mit Kristine den ersten georgischen Spielfilm.

1956 gewann Magdanas Esel, ein Kurzfilm von Tengiz Abuladze und Revaz Chkheidze, die Goldene Palme für den besten Kurzfilm in Cannes. Im selben Jahr erhielt auch Michail Kalatosows Die Kraniche ziehen die Goldene Palme für den besten Film – ein Erfolg, der in die Phase der Kritik am Stalin-Kult fiel.

1987 wurde Tengiz Abuladzes Monanieba (Reue) in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet – als filmische Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Totalitarismus während der Perestroika.

1988 fand im Centre Pompidou in Paris eine umfangreiche Retrospektive des georgischen Films statt, die mit Sergej Paradschanows Ashugh Qarib (Der Spielmann) eröffnet wurde und sich über drei Monate erstreckte.

Dies ist nun die dritte georgische Filmretrospektive, die bislang in Deutschland stattfindet. Die erste wurde 2015 von mir in der Werkstatt der Kulturen in Berlin organisiert, gefolgt von einer Retrospektive mit Schwerpunkt auf Frauen im georgischen Film in Stuttgart, die ich in Kooperation mit dem Theater am Olgaeck kuratiert habe. Während der politische Lage im Kaukasus ständig eskaliert und die globalisierte Welt von einer Krise in die nächste rast, bietet sich zeitgenössischen Filmschaffenden reichlich Stoff für filmische Auseinandersetzungen mit dem Ganzen. Für die Filmindustrie selbst könnte dies eine Überlebenschance inmitten der schwersten Krise ihrer Geschichte, ausgelöst durch die digitalen Revolutionen, sein. Zwar lässt sich nicht behaupten, dass Film die Welt vor Kriegen, Korruption oder Armut retten kann – doch die visuelle Intensität des bewegten Bildes vermag eine emotionale Wirkung zu entfalten, die das Bewusstsein der Zuschauer:innen schärft und ihnen ihre eigene Handlungsfähigkeit vor Augen führt. Und genau darin liegt vielleicht eine Chance gegen das Scheitern.

Text. Dr. Lily Fürstenow